von Saskia Horst

Geschichten von Liebe und Finsternis – unter diesem Thema stand „Eine Lange Nacht deutsch-israelischer Literatur“ auf der großen Bühne im Schauspiel Leipzig. Einige wenige Glückliche – so auch ich – konnten auch ohne Reservierung die heiß begehrten Karten an der Abendkasse ergattern. Zugegebenermaßen war die Bühne im hinteren Drittel des Ranges nicht unbedingt zum Greifen nahe, die Aussicht auf den imposanten Theatersaal dafür umso umfassender. Und eins war von hier aus deutlich zu erkennen: der Zuschauerraum war restlos ausverkauft. Kein Wunder, schließlich hielt der Abend eine fabelhafte Auslese israelischer Schriftsteller und Persönlichkeiten bereit. Darunter der große, vielfach ausgezeichnete Literat Amos Oz.

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An diesem Abend besprach Amos Oz mit der Moderatorin Shelly Kupferberg seinen Roman „Judas“. Eine Geschichte, die im Jerusalem der 1959/60er Jahre spielt und die Auseinandersetzung des jungen Schmuel Asch mit den Problematiken von Politik, Glaube, Liebe und Verrat behandelt. Im Leben der Hauptfigur, sowie auf einer zweiten Ebene: der des biblischen Judas. Durch seine Forschungen über „Jesus in jüdischer Perspektive“ deckt Schmuel eine völlig neue Perspektive über das Leben von Judas Ischariot auf. In dieser Sichtweise war er ganz und gar nicht der Verräter des Gottessohnes Jesu. Er war der Jünger, der ihm am treusten war. Der, der am meisten an Jesus glaubte; mehr sogar als Jesus selber.

In der Presse wurde das Buch bereits zahlreich rezensiert und diskutiert. Und auch im Gespräch zwischen Shelly Kupferberg und Amos Oz entstand ein interessanter und lebendiger Diskurs über die Thematik des Romans. Ungeachtet dessen war es aber, vor allem der Charme des Autors, der  das Publikum an diesem Abend einnahm. Oz bestach mit Herzlichkeit, Witz und Gelassenheit; wie er schon zu Beginn des Gespräches unter Beweis stellte: zur Begrüßung sprach Kupferberg einige einleitende Sätze. Tja, könnte Amos Oz die deutschen Worte der Frau Kupferberg doch nur verstehen. Ihm fehlte das Knöpfchen für die Übersetzung im Ohr. Gekonnt wies er auf diesen kleinen organisatorischen Fauxpas hin: „It must have been a wonderful welcome but I didn’t unterstand a word.“.

Auch später ließ er sich von einem Techniker, der gefühlt mehrere Minuten versuchte das am Gesicht klebende Mikrofon des Schriftstellers zu richten, nicht beirren. Erst nach dem aufkommenden Lachen des Publikums, sagte Oz mit einem Schmunzeln er sei es nicht gewöhnt, dass sich so um ihn bemüht werde und lehnte sich weiter in seinen Ledersessel.

Neben dem Publikum schien die Veranstaltung auch Amos Oz selber gefallen zu haben. Begeistert applaudierte er dem israelischen Trio Itamar Erez, das den Abend musikalisch begleitete. Und fast noch freudiger bedankte er sich – wiederholt – bei Christian Brückner, der mehrere Passagen der deutschen „Judas“-Fassung las. Für die wundervolle Art vorzutragen, die ihn animiert seinen eigenen Roman direkt wieder lesen zu wollen. Dieses Lob verteilte Oz auch völlig zu Recht. Brückner, seines Zeichens Schauspieler und Synchronsprecher, las hörbuchreif. Es war nicht schwer zu erkennen welcher US-amerikanischen Schauspiel-Ikone er seine Stimme leiht. Aus der Ferne des Ranges, mit Blick auf Brückners beim Lesen gesengten Haarschopf, konnte man fast meinen Robert DeNiro höchst persönlich erzählt die Geschichte von Schmuel und dem missverstandenen Judas.

Die Synthese aus der gewinnenden Persönlichkeit des Autors, einem ausdrucksstarken Vorleser und dem Ambiente des Theatersaales zauberte eine eindrucksvolle und dennoch gelassene Atmosphäre. Mit dem Ende der Lesung von Amos Oz verstrich auch die erste Stunde der „Langen Nacht deutsch-israelischer Literatur“ und die Sitzplätze lichteten sich deutlich. Ob die gegangenen Zuschauer das Schauspiel allein wegen Amos Oz besucht haben oder doch fürchteten, dass die „Lange Nacht“ eventuell zu lang werden könnte, ist dabei die Frage. Allemal verpassten sie nach diesem gelungenen Auftakt einige weitere interessante und meistens auch sehr humorvolle Persönlichkeiten der israelischen Literaturszene.

Zum Buch: Amos Oz; Judas; aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler; Suhrkamp; 22,95 €

Lesung mit Gespräch: Im Rahmen der Veranstaltung „Eine Lange Nacht deutsch-israelischer Literatur“; Autor: Amos Oz; Moderatorin: Shelly Kupferberg; Vorleser: Christian Brückner; Musik:  Itamar Erez Trio; Schauspiel Leipzig; 12. März 2015; 19 Uhr